Hilfe bei Depressionen

"Herr K. ist ca. 60 Jahre alt und schwer depressiv. Er hat schon ganz lange Depressionen, aber dazwischen gab es auch Zeiten, wo es ihm gut ging. Nun geht es ihm schon jahrelang schlecht. Er war in stationärer in Behandlung in der Psychiatrie und geht regelmäßig zur Psychologin. Aber es hilft nichts.

Wir waren immer durch die Gemeinde in Kontakt und ich besuchte ihn regelmäßig. Meist sind wir dann spazieren gegangen. Im Moment telefonieren wir oder schreiben Kurznachrichten.

Er betont immer, dass er ein „reines Herz“ hat, dass er es nicht verdient hat, so gestraft zu werden, wo er so ein guter Mensch ist. Ich versuchte ihm zu erklären, dass Gott nicht straft, dass Depression eine Krankheit ist. Manchmal denke ich, ob die Depression Ausdruck von unterdrückten Schuldgefühlen ist. Da weiß ich, was in seiner Familie war. Aber ich trau mich nicht das anzusprechen.

Er merkt, wie er einsamer wird. Er bittet mich, ihn nicht allein zu lassen. Und beklagt sich über Menschen, die ihm gute Ratschläge geben (‚positives Denken‘) und die sagen, dass er da sich selber helfen muss, was er aber als Mitleid empfindet. Haben diese Menschen nicht recht, dass er sich selber helfen muss? Wie kann ich ihm helfen?"

09. April 2020

 

 

 

Ganz vorneweg: Sie helfen Herrn K. sehr. Er wird einsamer und merkt, Sie kann er bitten, dass Sie ihn nicht alleine lassen. Viele ziehen sich von ihm zurück – wenn er überhaupt noch ‚viele‘ Menschen um sich herum hat. Viele ertragen den Stillstand und nun den Rückschritt in seinem psychischen Zustand nicht. Dieser ist vielleicht auch eine Folge der Kontakteinschränkungen, denn Bewegung und Reden hilft bei Depressionen – und das ist nun nicht mehr so möglich. Helfen Sie Herrn K. weiterhin, indem Sie ihmeine treue Wegbegleiterin bleiben. Das ist leicht dahingeschrieben. Aber ich kann mir vorstellen, dass das richtig schwierig ist – den Rückschritt zu sehen, die negativen Gedanken zu hören, die Selbstabwertung von Herrn K. auszuhalten, mit den schwarzen, schweren Gefühlen mitzugehen und vielleicht auch ein ganz klein wenig den Ärger nicht rauszulassen, dass Herr K. selbst nicht einen kleinen Schritt tut, der ihmdoch kurz etwas den Tag aufhellen könnte, und schon gar nicht die ganz großen Schritte einer veränderten Sicht auf sein Leben. 

 

 

Her K. hat Angst, dass er, weil der Kontakt mit ihm nicht leicht und lustig ist, noch einsamer wird – und das wird Herr K. dann wahrscheinlich wieder sich selber zuschreiben: ‚Weil es mir so schlecht geht, enttäusche ich alle Menschen. Ich bin schuld daran, dass sich alle von mir zurückziehen.‘ Darin ist Herr K. gefangen – in Schuldzuweisungen gegen sich selber. Das ist eine Folge seiner Depressionen. Das gehört zu einer schweren Depressionen wie Schmerzen zu Gallensteinen. Das sind Krankheitssymptome. Wir Seelsorgerinnen und Seelsorger denken bei psychischen Erkrankungen immer wieder, dass wir die Krankheitssymptome lindern könnten, weil es sich ja nicht direkt um etwas Körperliches handelt. Wenn die Nachbarin meint Schuld daran zu sein, dass ihre Ehe in die Brüche gegangen ist, können wir ihr ja helfen, indem wir sie daran erinnern, was aus unserer Sicht ihr Ex-Mann dazu beigetrage hat. Das macht die Schuldgefühle der Nachbarin kleiner. Aber das funktioniert bei Herrn K. nicht.

 

Nehmen Sie die Herrn K.s Schuldgedanken, die bei manchen Menschen mit Depressionen auch fast wahnhaft sein können, wie die Schmerzen bei den Gallensteinen – da können Sie als Seelsorger nichts tun. Sie können sich einfühlen, wie schlimm diese ‚Schmerzen‘ sind, Sie können Herrn K. zusprechen, dass er in guter Behandlung ist und die ‚Schmerzen‘ dadurch weniger werden – und eben mit im die ‚Schmerzen‘ aushalten. Aber Sie können Herrn K. die ‚Schmerzen‘ nicht durch ein gutes Wort nehmen. Positives Denken hilft Herrn K. nichts. Das empfindet er sogar als Mitleid. Und Mitleid ist hier von Herrn K. wohl nicht als aufrichtiges Mitgefühl gemeint, sondern als ein nicht Ernstnehmen des schweren Ausmaßes seiner Depression. Herr K. braucht ärztliche, psychiatrische Hilfe, die erwohl hat, die aber nicht aus seiner Sicht nicht hilft – auch das eine ‚typisch‘ depressiver Gedanke: ‚Niemand und kann mir helfen.‘ 

 

Aushalten und ein treuer Begleiter sein, das können Sie tun. Steigen Sie nicht zu tief in die Gedanken von Herrn K. ein – auch nicht durch Erklärungsversuche, woher diese Schuldvorstellungen kommen. Da kann Ihre Deutung richtig sein, aber es wird nichts verändern. Wenn man weiß, dass die Bauchschmerzen von den Gallensteinen kommen, kann eine Ärztin die Schmerzen gezielt behandeln – aber weniger werden die Schmerzen dadurch nicht. 

 

 

Nun haben Sie Ihre Frage vor Ostern gestellt und ich antworte nach Ostern. Vielleicht kann ich die Begleitung von Herrn K. in das Bild der Osterereignisse fassen: Bei Herrn K. ist es Karfreitag  - schmerzhaft, dunkel, schuldzerfressen. Und Sie sind eine der Frauen, die davor nicht weglaufen. Sie wissen, dass es Ostern werden wird, dass es Gott gibt, dass er Schuld vergibt, dass er befreit. Aber bei Herr K. ist Karfreitag. Sie werden nicht an Karfreitag Ostern machen. Harren Sie bei Herrn K. aus. Halten Sie diesen Karfreitag durch. Sie können ihm von Ostern erzählen – von Ihrer Hoffnung und von Ihrem Glauben an den liebenden und nicht strafenden Gott, aber Sie können Herrn K. nicht von ihrem gegenwärtigen Karfreitag in den hellen, zukünftigen Ostermorgen ‚ziehen‘.  

 

Sie können Herrn K. sicherlich weiter einladen, einen kleinen Schritt Richtung ‚Ostern‘ zu gehen, z.B. in die Kirche zu kommen. Weil Sie Herrn K. nicht aufgeben. Weil Sie für Herrn K. Hoffnung haben. Setzen Sie Herrn K. damit nicht unter Druck. Er fühlt sich schnell schlecht und schuldig, wenn er es nicht schafft. Es wird immer ambivalent mit Herrn K. bleiben: Sie können ihm von Ihrer ‚Osterhoffnung‘ erzählen und Herrn K. dabei aber an seinem ‚Karfreitag‘ nicht allein lassen. Etwas konkreter: Bestärken Sie die hellen Gedanken von Herrn K., dass er ein reines Herz hat und ein guter Mensch ist. Finden Sie Beispiele dafür. Lassen Sie Herrn K. hiervon erzählen. Ihnen scheint Herr K. auch am Herzen zu liegen. Sagen Sie es ihm immer wieder. Und halten sie aus, dass diese hellen Gedanken von Herrn K.s Depressionen ganz schnell wieder schwarz angemalt werden können. Ein heller Moment in einem Telefonat ist schon sehr sehr viel – und sicher nicht in jedem Telefonat möglich. 

 

 

Ach ja: Telefonieren Sie mit Herrn K. und schreiben Sie nur im Notfall Kurznachrichten. Reden und sich etwas mehr Ausbreiten als nur in den eingefahrenen depressiven Gedankengängen tut bei Depressionen gut. Und in Kurznachrichten verkürzen wir Gedanken und lassen uns auch nicht unterbrechen. Telefonieren Sie lieber öfter und kürzer. Bleiben Sie treuer Begleiter, aber immer auf eine für Sie erträgliche Zeit beschränkt. Und tun Sie sich danach was Gutes. Das Leben ist nicht so schwarz wie Herr K. es erleiden muss – es ist bunt und blüht gerade.

 

Seelsorgerin oder Vermittlerin?

"Ich hatte ein unangenehmes Telefonat mit einer Person, die aus der Gemeinde kennen. Sie ist schwierig und ich weiß, dass es auch in der Familie Probleme gibt. Sie wollte trotz der Corona-Beschränkungen ihre Tochter in Bayern besuchen. Aber das sei ja eigentlich verboten und auch ihre Tochter wolle das nicht. Sie brauche aber einen Spaziergang mit der Tochter, sonst komme ihre Depression noch heftiger. Sie redete sich sehr in Rage und erzählt viele, auch ganz alte Konflikte mit der Tochter. Dann wollte sie, dass ich mit der Tochter spreche, denn die muss doch einsehen, wie schlecht es ihre Mutter ohne Kontakt zu ihr gehe. Sonst helfe nichts gegen die Depression, sagte sie. Als ich das mehrmals ablehne, sagt sie: 'Sie wollen mir gar nicht helfen. Sie schauen noch zu, wenn ich zugrundegehe.' Dann endete das Telefonat sehr rasch."

07. April 2020

Die soziale Einschränkungen der Maßnahmen in der Corona-Krise machen uns alle auch dünnhäutiger. Psychisch kranke Menschen haben vermehrt mit ihrer Krankheit zu kämpfen. Und auch Konflikte in der Familie machen vielen mehr zu schaffen. Beides scheint bei der Frau der Fall zu sein.

Im Bericht wirkt die Frau auch aufgebracht und sogar ärgerlich, auf die Tochter und auch auf Sie. Die Frau ist sicherlich hilflos und verzweifelt. Darüber redet sie auch, aber sie scheint Tochter und auch Sie fast erpressen zu wollen. Sie verlagert die Hilfe ganz nach außen - andere müssen etwas tun, damit es ihr besser geht. Das setzt Sie unter Druck. 

Sicherlich haben versucht, der Frau gut zu erklären, warum Sie nicht Vermittlerin sein können und wollen. Doch es scheint bei ihr nicht angekommen zu sein. Die Frau kann sich nicht helfen, wohl auch aufgrund ihrer Depression, und erwartet Hilfe von ihnen. So ein Gespräch kann oft nicht gut ausgehen. Fast ist es manchmal so, dass solche Menschen fast die Bestätigung 'inszenieren': Mir will niemand helfen. Mir kann niemand helfen. Ich bin ganz allein und absolut hilflos.

In was wären Sie hineingezogen worden, wären Sie nicht so klar an Ihrem Auftrag der Seelsorge mit der Frau geblieben. Sie haben keinen Auftrag von Mutter und Tochter beratende Vermittlerin zu ein. Wie schwer war das, die Enttäuschung und die Wut, die Erpressung und das Gesprächsende auszuhalten. Da will ich ihnen gar keine Alternativen vorschlagen. Ich habe auch keine, die sie nicht evtl. im Gespräch schon ausprobiert hätten.

Sie spüren, wie die Frau wohl mit den Menschen ihrer Familie ähnlich umgeht und dadurch vereinsamt. So ähnlich wird es der Tochter vielleicht auch manchmal gehen. Schauen Sie hinter die Wut auf die Frau und wenn Sie auch Empathie für die Frau dahinter finden, dann melden Sie sich mal wieder bei der Frau. Vielleicht auch gleich zu Beginn mit den Worten: 'Direkt helfen mit ihrer Tochter konnte ich letztes Mal ja nicht. Das hat sie geärgert. Und trotzdem wollte ich mich nochmal melden und fragen, wie es ihnen heute geht.' Damit wäre das Muster der Frau - niemand hilft mir, ich bin allein - durchbrochen und ganz vielleicht kommt davon etwas bei der Frau an.

Umgang mit Wut und Verschwörungstheorien

"Ich hatte gestern ein Telefonat mit einer Frau, die ich nicht kannte und die ich Anfang dieser Woche vom Besuchsdienst her zu ihrem 76. Geburtstag hätte besuchen sollen. Sie war eigentlich erfreut über meinen Anruf. Sie redet aber ganz laut, das war mir über die Zeit sehr unangenehm. Vor allem weil sie ganz viel über die Nachbarin schimpfte, die sich mit anderen Leuten treffen würden, Partys mit vielen Gästen feiern würden, zu Bekannten nach Hamburg in die Ferien fahren würden... Und sie würde sich an alles halten und würde mir der Einsamkeit kämpfen. Ich war da schon ärgerlich über das Gerede dieser Frau. Und dann hat sie noch mit Verschwörungstheorien begonnen, so aus der Luft gegriffen, dass ich gar nicht mehr richtig zugehört habe. Irgendwie nutze 'die Politik' die Corona-Krise um das Benzinauto wieder einzuführen??? Ich habe dann einfach gesagt, dass ich nun das Telefonat beenden müsse. Da war sie kurz still und sagte dann fast entschuldigend: 'Ja ich muss halt mal Dampf ablassen!' Dann haben wir uns verabschiedet."

03. April 2020

Das musste die Frau wohl wirklich: Dampf ablassen! Ich vermute mal - sehr gewagt -, dass die Frau ziemlich einsam war. Es ist nicht nur in diesen Zeiten, schwer Einsamkeit auszuhalten und zuzugeben. Aller Aktionismus, alles Reden von 'Krise als Chance' zeigt meiner Ansicht auch Spuren hiervon. Und weil das so Schwere ist mit der Einsamkeit umzugehen, 'sucht' sich die Frau ganz unbewusst Schutzgefühle und -gedanken für das schmerzende Gefühl der Einsamkeit, das vielleicht noch mit Hilflosigkeit und Angst verbunden ist. Und was schützt uns besser als Ärger und Aggression. Sie ist ärgerlich auf alle anderen - die Nachbarn und die PolitikerInnen. Und tatsächlich hilft da in der Seelsorge nur: Dieser Ärger muss raus! Diese Frau musste schimpfen, schimpfen und nochmal schimpfen. Ich benutze da für die seelsorgliche Haltung gerne das Bild, dass die Seelsorgerin da dem Gegenüber einen Eimer hinhalten muss, damit sich das Gegenüber (und ich schreibe das Wort, was es letztlich ist) 'auskotzen' kann. Und die Seelsorgerin muss aufpassen, dass sie nichts abbekommt.

Wenn ich mich in Ihre Situation hineindenke, hätte ich wohl an zwei 'Stellen' etwas 'abbekommen': Die laute Stimme der Frau hätte mich genervt. Vielleicht hätte ich sowas gesagt wie: 'Sie sind wirklich aufgebracht und reden sehr laut. Das tut mir im Ohr fast weh. Ginge es trotz Ihres Ärgers etwas leiser?' Und die Verschwörungstheorien hätten mich geärgert und zum Widerspruch gereizt. Da kann es zum einen helfen konkret nachzufragen: Wie kommen Sie darauf? Wie begründen Sie das? Manchmal löst sich dadurch schon etwas. Manchmal legt das Gegenüber auch nach. Da hilft es dann nur noch, klar zu benennen, dass man unterschiedlicher Meinung ist und hierüber nur in Streit kommen kann. Und wirklich auch das Gespräch zu beenden. Das ist oftmals einfach dran. Sie müssen nicht alles aushalten. Man kann auch, wenn man selbst will, nochmal ein Angebot  machen: 'Ich hatte wegen Ihres Geburtstags angerufen. Nun sind wir weit abgeschweift. Möchten Sie mir noch etwas von sich erzählen?'

Es ist wahrlich nicht immer so, dass es gelingt. Es sind die 'Sternstunden' der Seelsorge, dass - wenn ein Gegenüber seinen ganzen die schweren, schmerzenden Gefühle schützenden Ärger herausgelassen hat - das Gegenüber von seinem Schmerz, von Einsamkeit, Hilflosigkeit und Angst reden kann. Und vielleicht sogar weinen kann. Aber manchmal muss da ganz viel geschützt werden und wir SeelsorgerInnen bohren oder bedrängen da nicht.

Engagement in der Seelsorge in Altenpflegeheimen?

"Wo ich bisher tägig war, in der Klinikseelsorge, dürfen Ehrenamtliche die Kliniken gar nicht mehr betreten. Ich frage mich: Wie ist es denn in den Altenheimen? Sicherlich wäre da auch Bedarf - wie kann man denn da beikommen? Es gibt sicherlich hauptamtliche Kollegen und Kolleginnen, die vielleicht Unterstützung brauchen.
Gerne wäre ich dazu bereit. Ich habe überlegt, ob ich mich für einen "anderen Dienst" melden soll, aber dann denke ich wieder, dass ein seelsorgerliches Gespräch ja nicht so ohne Weiteres von Ehrenamtlichen übernommen werden kann, wie vielleicht andere Tätigkeiten."

02. April 2020

Vorneweg: Ich finde, nicht nur qua Amtes, Ehrenamtliche mit einer KESS-Ausbildung können sehr gut Seelsorgegespräche am Telefon übernehmen, die als Ersatz für Seelsorgebesuche in dieser Zeit der Kontaktsperre angeboten werden. Sie wissen, was es heißt Hilflosigkeit und Ohnmacht auszuhalten. Sie können aktiv zuhören. Sie hüten sich vor Vertröstung, Bagatellisierungen und Ratschlägen. Sie wissen, wie befreiend es ist, Gefühle aussprechen zu können. Und und und...

In Altenpflegeheimen ist die Seelsorge derzeit nur ganz eingeschränkt oder gar nicht möglich. Ich habe unten Auszüge aus einem Schreiben von Pfarrer Johannes Bröckel, dem Zuständigen für Seelsorge im Alter in unserer Landeskirche angehängt, die das zeigen und vielleicht auch bei 'Besuchen' in Altenpflegeheimen helfen können.

Ich würde Ihnen raten, sich an Ihr Pfarramt oder an das Dekanatamt Ihres Kirchenbezirks zu wenden. Über E-Mails an mich und über das Internet zeigt sich mir, dass viele Gemeinden, Kirchenbezirke und kirchliche Einrichtungen im Moment sehr kreativ versuchen, seelsorgliche Kontakte in Zeiten der 'Kontaktsperre' zu ermöglichen. Vielleicht brauchen diese qualifizierte Mitarbeitende.

In den Altenpflegeheimen ist momentan Seelsorge nur sehr eingeschränkt mögliche. Einige Informationen und Erfahrungen und Empfehlungen von Seelsorge in Zeiten eines Besuchsverbots in Altenpflegeheimen von Pfarrer Johannes Bröckel finden sich hier.

Isolation im Heim für behinderte Menschen

"Eher zufällig habe ich mit einer Kollegin aus dem Besuchsdienst telefoniert. Sie ist ca. 75 Jahre alt. Ich weiß, dass ihr Sohn (nach einem Schlaganfall?) gelähmt ist und nicht mehr sprechen kann. Vor ein paar Jahren hat sie ihn in einem Heim für Behinderte / Pflegeheim untergebracht. Nun darf das Heim wegen der Corona-Maßnahmen auch von den Angehörigen nicht mehr betreten werden. Die Mutter ist sehr besorgt, da in diesem Heim satt und sauber gepflegt wird, aber die Herzlichkeit fehlt. Das hat sie mit ihren Besuchen ausgeglichen. Sie haben sich damals viele Heime angeschaut, das war das Beste. Sie ist sehr verzweifelt und weint. Was soll ich denn da sagen? Mir ist nichts Gutes eingefallen."

25. März 2020

Sie haben sich sehr gut eingefühlt. Die Not der Mutter des behinderten Sohnes macht sprachlos. Selbst ich spüre in Ihrer Mail den Schmerz, die Hilflosigkeit und das schlechte Gewissen der Mutter. Das haben Sie in der Gesprächssituation am Telefon wohl auch gespürt - und da kommen einem nicht so schnell irgendwelche 'guten' Worte. Vielleicht hätten Sie das sagen können: Dass der Schmerz und die Not hilf- und sprachlos macht.

Was Sie auf keinen Fall sagen sollten:

Erklären Sie nicht die Sinnhaftigkeit der Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie. Das hat die Frau am anderen Ende der Leitung schon von der Heimleitung, von Ihrer Familie und von allen, die es gut mit ihr meinen, unzählige Male gehört. Denn damit appellieren Sie an den Verstand der Frau, dass Sie die Kontaktsperre verstehen soll und gar gut heißt. Sie würden ihr damit ihre Gefühle ausreden bzw. 'wegrationalisieren'.

Versuchen Sie auch jetzt die Küchenpsychologie in der Küchenschublade zu lassen. Es geht jetzt nicht um das Loslassen eines behinderten, aber erwachsenen Kindes. Es geht jetzt nicht um das große Verantwortungsgefühl der Frau.

Um was es geht: Um den Schmerz und die Not und die Ohnmacht der Frau. Nehmen Sie diese Gefühle auf und sprechen mit ihr darüber. Fühlen Sie sich ein und stellen Sie sich an die Seite der Mutter, die vielleicht trotzdem zum Heim läuft, davorsteht und ihren Sohn nicht sehen und nicht berühren kann - und sich große Sorgen macht, denn er kann nicht durch Reden für sich selbst sorgen.

Allenfalls würde ich im Blick auf das schlechte Gewissen der Frau vielleicht etwas in dieser Weise sagen: 'Damals haben Sie das gut, nach langer Überlegung entschieden. Das haben Sie sich nicht leicht gemacht. Sie haben das beste Heim ausgesucht, das mit den wenigsten 'Mängeln'. Dass mal dieser Notstand und diese Maßnahmen eintreten, das hat niemand absehen können - auch Sie damals nicht.'

Aber sicherlich wird so das schlechte Gewissen der Mutter allenfalls kurz beruhigt werden. Wenn Sie an sich selber oder Ihre Familie denken: Es braucht nicht viel, um das aus vielerlei Erfahrungen gespeiste schlechte Gewissen von Eltern zu aktivieren. Auch bei dieser Mutter hat dieses Gefühl vielfältige Ursachen. Auch hier gilt es: Lassen Sie diese Frau damit nicht allein. Sie fühlt sich mit schuldig an dieser Situation - und das nagt an ihr, zusammen mit dem Schmerz und der Hilflosigkeit. Und das noch auf unabsehbar lange Zeit. Vielleicht, wenn es für Sie passt, bieten Sie Ihrer Kollegin aus dem Besuchsdienst an, sie mal wieder anzurufen und sie so nicht mit ihren Situation alleine zu lassen.